Babylon, Mythos und Wahrheit
Die Hure Babylon, die für ihre Gottlosigkeit und Hybris mit ewiger Sprachverwirrung bestraft wird … dieses Bild zeichneten die Verfasser des Alten Testaments. Ihr dergestalt in Szene gesetztes Feindbild prägt unsere Vorstellung von dieser Stadt bis heute. Sie ist uns Symbol für Nichtverstehen und unüberwindlich scheinende sprachliche und kulturelle Hürden, für Anmaßung und Zügellosigkeit. Ein Sündenpfuhl. Dabei war Babylon das genaue Gegenteil. Es war eine geradezu vorbildliche Stadt, fortschrittlich im Denken, weltoffen, eine Stadt der Kunst, Kultur und Wissenschaft. Von Hybris und Gottlosigkeit waren die Babylonier so weit entfernt wie nur möglich. Sie betrachteten ihre Stadt als die Wohnstätte der Götter. Selbst ihr mächtiger Herrscher war nur ein Diener dieser Götter und ihnen Rechenschaft schuldig. Eben dies sollte der gewaltige Turm veranschaulichen, der die Welt der Menschen mit der der Götter verband. Auch von Sprachverwirrung kann nicht die Rede sein. Zwar zog das kulturelle Zentrum Menschen aller Kulturen mit all ihren verschiedenen Sprachen an, aber sie alle lebten in friedlichem Einvernehmen zusammen und bereicherten sich gegenseitig durch den Austausch von Wissen und Ideen. Kein Wunder, daß diese Stadt der Offenheit, der Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit den Verfassern des Alten Testaments mit ihrem engstirnigen monotheistischen Absolutheitsanspruch, der, wenn man die Sache auf ihre Essenz herunterköchelt, nichts als Ausdruck der Gier nach absoluter Macht über Sein und Bewußtsein aller Menschen ist, ein Dorn im Auge war. Es spricht nicht für uns, daß wir dieser Verteufelung Babylons heute noch anhängen, obwohl gerade diese Stadt die Wiege der friedlichen, harmonischen Zivilisation hätte sein können, von der wir angeblich alle träumen.
Aufhänger für diesen Artikel ist eine Ausstellung, die diese Woche in Berlin eröffnet wurde. In London und Paris fand sie bereits rege Beachtung, in Berlin werden die archäologischen Exponate um einen zweiten Ausstellungsteil erweitert, der sich mit dem Mythos Babylon befaßt. Die Ausstellung »Babylon. Mythos und Wahrheit« ist noch bis zum 5. Oktober im Pergamonmuseum zu Gast.
Auch die Serie »Mythen der Bibel« des National Geographic ist im Juli dem Thema Babylon gewidmet. Einen kurzen Ausschnitt können Sie auf der deutschen Website der Zeitschrift lesen.



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