Erde – Земля
Verfasst von Gabriele Zöttl am Mo, 03/10/2008 - 10:26.Produktionsfirma: VUFKU (Kiev)/ВУФКУ
Produktionsjahr: 1930
Länge: 1740 m (64 min/24 fps; 76 min/20 fps; 95 min/16 fps)
Regie:Aleksandr Dovženko/Александр Довженко
Drehbuch: Aleksandr Dovženko/Александр Довженко
Kamera: Daniil Demuckij/Даниил Демуцкий
Musik: L. Revuckij/Лев Ревуцкий
Darsteller: Stepan Škurat/Степан Шкурат (Djad’ko Opanas), Semen Svašenko/Семен Свашенко (Vasil’, sein Sohn), Julija Solnceva/Юлия Солнцева (Opanas’ Tochter), Elena Maksimova/Елена Максимова (Vasil’s Verlobte), Nikolaj Nademskij/Николай Надемский (Ded Semën), Ivan Franko/Иван Франко (Kulak Belokon’), Petr Masocha/Петр Масоха (Kulakensohn Choma), Vladimir Michajlov/Владимир Михайлов (Pope)
Genre: Stummfilm, Drama
Original-Filmplakat
In der Ukraine wurde Dovženko nach der Auflösung der Sowjetunion vor allem deshalb wiederentdeckt, weil er gemeinsam mit einigen Schriftstellern und Künstlern versuchte, im von Moskau diktierten Sowjetstaat eine ukrainische Stimme zu etablieren. In Dovženkos Werk ist dieser Widerstand gegen die Bevormundung zwar zu spüren, spielt aber nur eine untergeordnete Rolle. Seine Filme werden von einer ganz anderen Spannung geprägt: der zwischen dem Wunsch, die von der Revolution eröffneten Möglichkeiten zu feiern, und dem, die traditionelle, dörflich geprägte ukrainische Kultur zu achten. Diese Spannung ist auch die Hauptquelle der ästhetischen Ausdruckskraft von Erde.
Szenenphoto aus Erde: Der Alte möchte noch einen Apfel essen, bevor er stirbt.
Erde spielt in einem ukrainischen Dorf zur Zeit der stalinschen Entkulakisierung1. Der Film beginnt mit einer Reihe von Bildern, in deren Mittelpunkt der Tod eines alten Bauern steht: Kinder, Erwachsene und der alte Mann kurz vor seinem Tod, die alle einen Apfel essen, wachende Familienmitglieder, spielende Kinder, wogende Kornfelder, reife Früchte am Baum. Die Schnittfolge trägt nichts zur Geschichte bei, setzt aber eine Fülle bildlicher Assoziationen zum Zusammenhang von Mensch und Natur und dem Zusammenhang der Generationen frei. Die Geschichte beginnt erst nach dieser Einleitung und ist schnell erzählt: Die jungen Bauern richten eine Kollektive ein, doch die Kulaken wehren sich dagegen, Land und Vieh aufzugeben. Als die Kollektive einen Traktor erhält, pflügt Vasil’ damit den Grenzrain eines Kulaken um. Aus Rache wird er von dessen Sohn Choma ermordet.
Szenenphoto aus Erde: Vasil’
Jeder im Dorf weiß, wer der Mörder ist. Choma flieht in der Gewißheit, daß Vasil’s Vater nur noch seine Ergreifung im Sinn haben kann. Was an sich auch stimmt, doch zunächst muß Vasil’ begraben werden. Sein Vater weigert sich, ihn vom Popen beerdigen zu lassen: „Er ist für das neue Leben gestorben, also soll er auch auf neue Art beerdigt werden.“ Vasil’ wird von den Bauern durch die Felder zu Grabe getragen. Als Choma merkt, daß ihm niemand folgt, läuft er zum Friedhof. Dort hat sich eine große Menschenmenge versammelt, die von der Grabrede eines jungen Bauern so gefesselt ist, daß sie Choma nicht bemerkt. Die Bauern ignorieren ihn selbst dann noch, als er sich des Mordes rühmt und sie herausfordert, ihn zu töten. Denn sie interessiert nur, daß Vasil’ „mit dem eisernen bolschewistischen Pferd den tausend Jahre alten Grenzrain umgepflügt hat“ – Choma gehört der Vergangenheit an, sie aber blicken auf die Zukunft.
Szenenphoto aus Erde
Wie bei Ėjzenštejn und Pudovkin ist auch bei der Bildfolge von Dovženkos Erde Kulešovs Einfluß nicht zu übersehen. Und doch schneidet Dovženko ganz anders: Während Ėjzenštejns Montage von einem schnellen, dynamischen Ablauf geprägt ist, erweckt die Bildfolge von Erde einen gemächlichen Eindruck. Doch macht Dovženko von einem Bild zum nächsten häufig einen großen zeitlichen und inhaltlichen Sprung, so daß sich der Zusammenhang nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließt und Lücken entstehen, die der Zuschauer selbst füllen muß. Die Bilder sind jedoch alles andere als zufällig zusammengefügt.
Szenenphoto aus Erde: die verzweifelte Braut
Jeder Abschnitt der Geschichte ist in einen Kreis von Bildern gebettet, der die anfangs angedeuteten Assoziationen weiterführt und mit der Spannung zwischen Tradition und Moderne verbindet. Das gemächliche Wogen eines Kornfeldes steht neben dem hektischen Auf und Ab der Dreschmaschinen, das Miteinander der Dörfler neben Telefonleitungen, die die Ebene durchziehen. Während Vasil’ beerdigt wird, gebiert eine Bäuerin ein Kind. Der Vater ist über den gewaltsamen Tod seines Sohnes verzweifelt, aber die Kinder essen weiter Melonen. Die Bauern laufen zur Beerdigung, und Pferde galoppieren über die Ebene. Der Pope ruft vor dem Ikonostas Gottes Zorn auf die Kolchose herab, und Vasil’s verzweifelte Braut reißt die Ikonen von der Wand. Der Pope blickt zum Himmel, die Bauern auf ein Flugzeug. Der Vater weint, Regen fällt auf Bäume und Felder. Die Bauern, die den Sarg begleiten, tragen die Zeichen des Lebens: Blüten und Früchte. Vasil’ liegt tot auf dem Weg, und Paare sitzen still zusammen. Und immer weiter wogen die Felder im Wind, reift das Obst am Baum und finden Paare zueinander …
Szenenphoto aus Erde: Schlußeinstellung
Wenn es einen Film gibt, der die Beschreibung „lyrisch“ verdient, dann ist es Erde. Für mich ist er einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe. Nicht nur für mich: 1958 wurde Erde in die Liste der zwölf besten Filme aller Zeiten und Länder aufgenommen, die anläßlich der Weltausstellung in Brüssel von 117 Filmhistorikern aus aller Welt zusammengestellt wurde.
Der Film ist mit deutschen Untertiteln in der Stummfilm-Edition von arte erhältlich.
1 Nachdem Stalin 1928 die Planwirtschaft eingeführt hatte, sollte sie ab 1929 durch die Zwangskollektivierung (Kolchosen) der Bauern und die Entkulakisierung in der Landwirtschaft durchgesetzt werden. Das Wort „Kulaken“ bezeichnet reiche Bauern. Tatsächlich herrschte bei der Entkulakisierung jedoch rechte Willkür; oft reichte schon der Besitz einer Kuh als Grund für die Ächtung als „Kulak“ und damit die Enteignung und Verbannung nach Sibirien aus. Wie das bei Menschen so üblich ist, wurde die Entkulakisierung von vielen als Vorwand dafür benutzt, ihrem Neid oder Haß auf die Nachbarn freien Lauf zu lassen. Mit verheerenden Folgen.


